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language learning in the digital age

7 Gründe, warum wir Listen lieben – und warum sie schlecht für uns sind

Posted on May 22, 2014 by

Listen

 

Wir mögen Listen, weil wir nicht sterben wollen.

- Umberto Eco, Die unendliche Liste

 

Ein allgegenwärtiges Phänomen besonders im englischsprachigen Internet sind die sogenannten „Listicles”, Artikel, die in Form einer Liste geschrieben sind. Sie lauern überall und ködern Leser mit reißerischen Überschriften wie „6 Gründe, warum Asiaten in der Schule besser sind als IHR Kind” oder „25 Lesben, die wie Justin Bieber aussehen”. (Halt, hier geblieben!)

Es ist Geschmackssache, ob sie einen zum Lachen bringen oder nur einmal mehr demonstrieren, dass die Menschheit dem Untergang geweiht ist. Mit Listicles sind Webseiten wie Buzzfeed, das es demnächst auch auf Deutsch geben soll, sehr groß geworden und beeinflussen wiederum klassische Print-Medien, allen voran die Klatschpresse.

Listen sind das in Text gegossene Abbild eines Zeitgeistes, der sich ständig ablenken lässt. Daher ist es spannend zu fragen: Was machen sie mit uns und unserer Art zu denken?

 

1) Best of in der Geschichte der Menschheit

Menschen hatten schon immer den Drang, Listen zu erstellen. Moses entschied sich für zehn göttliche Gebote und die Griechen einigten sich darauf, sieben Weltwunder zu benennen (sieben wegen der fünf damals bekannten Planeten plus Sonne und Mond). Die Welt zu einer Einkaufsliste zusammen zu schrumpfen macht sie leichter verdaulich. Dann ist auch leichter abzuschätzen, wann sie untergehen wird und ob vorher vielleicht noch etwas Zeit bleibt, das stille Örtchen aufzusuchen.

 

2) Liebe auf den ersten Klick

Der typische Listicle hat eine „unglaublich aufregende” Überschrift, die die Aufmerksamkeit fesselt, Informationen über die Länge des Textes enthält und neugierig auf mehr macht (Listen sind also schlecht für uns? Oh! Warum denn das?). Wir fühlen uns von Zahlen in Überschriften angezogen, weil sie herausstechen. In Zeiten, in denen Aufmerksamkeit eine Internet-Währung ist, kann man kann darauf vertrauen, dass Listen nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Und sie auf Facebook teilen.

 

3) Oohoohoo, du hübsches Ding

Der Listicle ist ein typisches Beispiel dafür, wie Texte zunehmend auf grafisch-visuelle Prinzipien zurückgreifen. Zwischen den Abschnitten gibt es wunderbar viel Platz, was das Lesen erleichtert, weil unser Gehirn Informationen räumlich einordnet und speichert. Jeder Abschnitt enthält eine einzelne Sinneinheit, wodurch der Text ideal ist, um beim Warten auf den Bus schnell überflogen zu werden. Wie gut das funktioniert, sieht man hier – dieser Artikel ist auch schon halb durchgelesen!

 

4) Unter uns … 

Es gibt einen ungeschriebenen Pakt zwischen dem Verfasser und dem Leser eines Listicles. „Ich verspreche dir ein angenehmes Leseerlebnis”, sagt der Autor. „Ich werfe dir ein paar Bröckchen Inhalt zu, die du leicht, schnell, und separat verdauen kannst. Du bekommst keine argumentative Struktur von mir – A, deshalb B, aber C, Fazit D – meine Aufzählung hilft dir aber, das zu organisieren, was dich sonst überwältigen würde.”

 

5) Das Leseverhalten änder… oh, was für eine süße Katze!

Glückwunsch, wenn du, lieber Leser, es bis hierher geschafft hast: Die meisten Leute lesen höchstens 28% aller Wörter auf einer Webseite. Listicles sind auf eine Umgebung zugeschnitten, in der man ständig unterbrochen wird, weil Unterbrechungen zu ihrer Struktur gehören. Du hast den Faden verloren? Nimm ihn einfach woanders wieder auf. Einen Punkt auf der Liste übersprungen? Nicht weiter tragisch. Und nach dem Lesen dieses Artikels sorgt das kleine Gefühl der Zufriedenheit, das sich ausbreitet wenn man eine Aufgabe erledigt hat, laut des Sozialpsychologen Robert Zajonc für das Treffen ähnlicher zukünftiger Entscheidungen. Wie zum Beispiel der, mehr Listen zu lesen.

 

6) Goldfisch – Mensch 1:0

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen ist laut einer kürzlich durchgeführten US-Studie von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden im Jahr 2013 gesunken. Der durchschnittliche Goldfisch kommt auf 9 Sekunden. Glücklicherweise zeichnen sich gerade unsere menschlichen Gehirne durch ihre Plastizität aus: Wir können die Struktur des Gehirns ändern wenn wir unser Verhalten ändern, und umgekehrt. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass kognitiver “Sport”, wie etwa Meditation, Sprachenlernen oder Gehirntraining, die Beschaffenheit und den Aufbau des Gehirns positiv beeinflusst – und damit indirekt auch andere kognitive Funktionen wie die Aufmerksamkeit.

 

7) Sind die Tage des Listicles gezählt?

Jeder Trend ist einmal vorbei (… zumindest bis ihn irgendjemand wieder aus der Mottenkiste holt). Im englischsprachigen Netz finden sich bereits jede Menge Artikel, meistens Listen, die den Listicle kritisieren. Dennoch erfreut er sich weiterhin bester Gesundheit und wird sich im deutschsprachigen Raum weiter ausbreiten. In der Zwischenzeit hast du die Wahl. Kurz bevor du das nächste Mal auf eine “unglaublich aufregende” Überschrift klickst,halte für einen Moment inne undüberlege, ob es wirklich das ist, was du jetzt lesen willst. Hand aufs Herz, Fast Food mag jeder gern – aber etwas Gehaltvolleres macht länger satt.

 

Bilder

Rua Oscar Freire‘ by IgorSchutz / CC 2.0

To-Do List‘ by john.schultz / CC 2.0

 

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