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language learning in the digital age

Die englischen Sprach-Wachen

Posted on April 25, 2014 by

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Foto von Elias Gayles / CC 2.0

Studenten lernen Englisch, Wörterbücher versuchen, korrekte Sprache festzulegen und zu erläutern. Medien veröffentlichen Stil-Führer für gute und richtige Sprache, und Regierungen versuchen, zur korrekten Sprache zu erziehen.

„Richtiges Englisch“ ist noch immer ein begehrenswertes Gut – und ein großes Geschäft. Wer bestimmt also über „richtiges Englisch“?

 

Verstorbene weiße Männer

Im Jahr 1876 lud der preußische Kultusminister Adalbert Falk sämtliche Delegierte der Deutsch-sprechenden Territorien nach Berlin ein, um an der sogenannten „Orthografischen Konferenz“ teilzunehmen. Die deutsche Sprache wurde reformiert und standardisiert – ein Prozess, der auch über Rechtschreibreform 1996 hinaus bis heute andauert.

Frankreich ging einen anderen Weg und gründete 1635 die ehrwürdige „Académie Française“, die höchste Instanz und Dienststelle für die Pflege der französischen Sprache. Diese Behörde arbeitet noch heute, pflegt und prägt die französische Sprache und poltert mit ihrem offiziellen Sprach-Lexikon gerne gegen das Englische. Sie pocht zum Beispiel auf den Begriff „Courriel“ statt auf „E-Mail“. Die 40 Mitglieder der Académie Française werden auch die „Unsterblichen“ genannt.

Warum gibt es nichts Vergleichbares für die englische Sprache?

Die Geschichte der englischen Sprache ist nicht von einem systematischen Wandel oder einer Reform gekennzeichnet. Vielmehr ist die englische Sprache wie ein umherstreifendes Tier, das von Kontinent zu Kontinent zieht und dabei von Unfällen und Zufällen, Kriegen und anderen Ereignissen geprägt ist. Geografie, kulturelle Identitäten und Unterschiede, koloniale Ausdehnung: Es gibt keine Institution, die korrektes und echtes Englisch bestimmen könnte.

 

Leder und Papier

Wörterbücher und Lexika hatten immer Beschützer der gegenwärtigen Sprache. Für das britische Englisch ist es das „Oxford English Dictionary“. Die beachtliche Tiefe der Quellen – viele davon wurden übrigens zugetragen von einem psychisch kranken Mann – und die physische Größe des Wörterbuches lassen das „Oxford English Dictionary“ an einen urzeitlichen Gesteinsbrocken erinnern: Schwer und außerordentlich hart, aber wenn man sich mit den richtigen Werkzeugen und ausreichend Geduld ins Innere arbeitet, warten wahre Schätze auf ihre Entdeckung.

Als das Oxford Dictionary geschrieben wurde, begann auf der anderen Seite des Atlantiks Noah Webster, die Amerikaner zu erziehen, wie sie zu schreiben und sprechen hatten. Nach Erzählungen war er bestimmt, genau und humorlos, was möglicherweise der Grund war, weshalb er ein Wörterbuch schrieb – eins, das die Entwicklung des amerikanischen Englisch’ bis heute entscheidend beeinflusst hat.

Vielleicht hat die US-Regierung sogar stillschweigend seinen Einfluss anerkannt und machte Englisch zur offiziellen Sprache. Mehr als ein Jahrhundert lang waren diese Wörterbücher unanfechtbar. Doch die digitale Epoche zerfrisst das Fundament der Wörterbücher stellt deren Autorität infrage.

Wann habt ihr zuletzt ein Wörterbuch benutzt? War das bevor oder nachdem ihr zuletzt in Microsoft Word eine gewellte rote Linie unter einem Wort gesehen habt?

Viele Meta-Lexikographen (ein großartiges Wort für Gesprächsrunden auf auf Partys) glaubten lange, dass Benutzer ein Lexikon als Quelle linguistischer Wahrheit betrachten, und weniger als Indikator aktuell angewandter Sprache: also, wie wir sprechen sollten, und nicht wie wir tatsächlich sprechen.

Wenn viele Menschen eine Sprache auf bestimmte Weise benutzen, ist es dann gleichzeitig „korrektes Englisch“?

 

Sprachkrisen

David Foster Wallace behauptete 2001, die amerikanische Sprache wäre inmitten einer Autoritätskrise. Heute befindet sich Englisch in einer Identitätskrise. Gleichzeitig ist es die Sprache einer verblassten Kolonialmacht und ihrer Kolonien, die Sprache einer weiterhin verblassenden Supermacht und die Sprache von Hollywood. Es ist die Gebrauchssprache im Beruf, in der Wissenschaft und im Internet, die Standard-Sprache beim internationalen Reisen und vermutlich der Anlass zur Angst für Millionen Schulkinder auf dem Globus.

Größe entscheidet. Englisch breitet sich rasant über den Planeten aus, über Telefonverbindungen und Kabel, an Flughäfen und in Hotels. Die englische Sprache erfasst schneller denn je einen immer größer werdenden Raum. Die Verbreitung ist kaum zu überblicken, noch weniger zu kontrollieren.

Die Technik-Giganten sind die Spielmacher für das Verfolgen und Gestalten dieser Entwicklung. Worterkennung und Rechtschreibprüfprogramme sind wohl längst leistungsfähiger als jedes Wörterbuch. Nicht zu vergessen sind die Sprach-Wächter, die Englisch unterrichten – sei es als erste oder zweite Sprache, und jene, die prüfen und zulassen.

Die Sprach-Wächter müssen Autoritäten sein: Ihr Geschäftsmodell stützt sich auf eine genaue Definition von „korrektem Englisch“. Als Foster Wallace an amerikanischen Schulen unterrichtete, erklärte er vielen Schülern, das geschriebene Standard-Englisch wäre einfach ein Unter-Dialekt des Englischen – und genauso korrekt wie jede andere Form.

Die Idee, dass Sprachgebrauch und Zeit zu Akzeptanz führen, können wir als demokratisches Wachstum ansehen oder als Anzeichen, dass die Welt untergehen wird – das hängt von unserer Perspektive ab. Gegenkräfte dieses Prozesses sind die Regeln für korrektes Englisch und die Sprach-Wächter. Halten sie die Geschwindigkeit durch, mit der sich die Sprache entwickelt?

Trotz Beharren auf Regeln, die sich bei einer Sprache richtig anfühlen, ist oft genau das richtig, was sich richtig anfühlt. Häufig wird gesagt, eine Sprache zu beherrschen, bedeute, für sie „ein Gefühl“ zu entwickeln. „Ich weiß, was es ist, wenn ich’s sehe“, sagte der berühmte Richter des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, Potter Stewart, über Pornografie.

Vielleicht können wir das gleiche über „korrektes Englisch“ sagen.

 

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