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Das Phänomen „la rentrée“

Posted on September 4, 2014 by

die Rückkehr

In Frankreich und Italien ist der Septemberanfang eine Zeit voller Betriebsamkeit, la rentrée oder il rientro– auf Deutsch „die Rückkehr”.

Hierzulande gibt es nichts Vergleichbares: Alle Schüler im ganzen Land beginnen gleichzeitig mit dem neuen Schuljahr. Alle Geschäfte werden wieder geöffnet. Die Menschen kehren an ihre Arbeit zurück. Viele Läden veranstalten einen großen Sommerschlussverkauf. Eine enorme Maschinerie kommt in Gang, wenn das ganze Land gemeinsam die Urlaubsstimmung des Sommers hinter sich lässt und sich mental auf ein neues Geschäftsjahr einstellt.

La rentrée bedeutet allerdings nicht nur eine massenweise Rückkehr an die Schulen oder die günstige Gelegenheit, Schnäppchen zu machen. Anfang September ist der Zeitpunkt der rentrée politique („politischen Rückkehr”), wenn mehr oder minder sonnengebräunte Politiker nach Paris zurückkommen und ihre politischen Aktivitäten in Regierung und Parlament wieder aufnehmen. Traditionell läutet die rentrée du cinéma („Rückkehr des Kinos“) das Ende der Saison der Sommer-Blockbuster ein und die kleinen, ernsthaften Arthouse-Filme halten wieder Einzug in die Kinos. Nicht zuletzt veröffentlichen auch die Verlagshäuser eine große Zahl neuer Romane während der „rentrée littéraire” („literarische Rückkehr“), die bis in den November andauert. Manche Bücher stehen dabei nur wenige Wochen in den Regalen, bis sie zu Toilettenpapier weiterverarbeitet werden.

Warum ist La rentrée ein solches kulturelles Phänomen in Frankreich und (in weniger starkem Ausmaß) in Italien?

Das zentralisierte, republikanische Regierungsmodell in Frankreich ist hierfür der Hauptgrund, denn das bedeutet, dass alle Kinder mehr oder weniger zur selben Zeit Schulanfang haben. Im Gegensatz dazu bestimmt in Deutschland jedes Bundesland einzeln, wann die Schulferien beginnen, daher variieren die Termine bei uns stark, oft um mehrere Wochen. Dies war früher vor allem für Bundesländer wie Baden-Württemberg and Bayern relevant, da die Kinder dort in den Ferien traditionell bei der Sommerernte helfen mussten. Il rientro in Italien ist dagegen eine Antwort auf den Ferragosto am und um den 15. August, eine Zeit, zu der schon die alten Römer ihre Städte verließen, um mit Kind und Kegel die Strände zu bevölkern.

Wenn man über die ganze Fernsehwerbung hinwegsieht, merkt man, dass la rentrée ein bisschen wie Silvester ist, denn es symbolisiert einen psychologischen Umbruch. Die Menschen bereiten sich auf das kommende Jahr vor. Sie machen Vorsätze, ihr Leben zum Besseren zu ändern, treffen Entscheidungen und planen für die Zukunft. Die französische Idee des développement personnel (der „persönlichen Entwicklung”) rückt in den Fokus.

Es ist kaum bekannt, dass das Sprachenlernen ein sehr saisonales Geschäft ist. Jeden September registrieren wir bei Babbel einen enormen Anstieg der Aktivität unserer Nutzer und sehr viele Neuanmeldungen. Dieses plötzliche Interesse ist eine direkte Antwort auf die veränderte Geisteshaltung, die la rentrée oder il rientro hervorrufen. Man könnte es als eine Art geistigen Frühjahrsputz (beziehungsweise „Herbstputz”) bezeichnen, die Idee, dass eine neue Jahreszeit einem Neuanfang den Weg bereitet.

Es ist die Zeit des Jahres, in der man sich im Fitnessstudio anmeldet und sich daran erinnert, dass man doch eigentlich die Wohnung neu streichen, die Garage aufräumen oder eine neue Sprache lernen wollte. Vielleicht hat der unvergessliche Urlaub in Sevilla, Lissabon oder Kopenhagen einen auf diese Idee gebracht, oder der Wunsch nach einer neuen Sprache ist das Resultat aus der Energie und dem Tatendrang, die ein gelungener Urlaub in uns weckt. Meistens handelt es sich um eine Kombination aus Entschlossenheit, es dieses Jahr besser zu machen und schlechtem Gewissen, weil es im letzten Jahr leider nicht so geklappt hat, wie man es sich vorgenommen hatte.

Um es mit den Worten von Eleanor Roosevelt zu sagen: La rentrée „ist das, was man daraus macht. Das war so und wird auch immer so bleiben.” Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für Zyniker. Eine Twittersuche nach #LaRentree fördert einige Perlen zutage, darunter viele, die sich dem während dieser Zeit so zelebrierten Kommerz entgegenstellen.

Aber warum nicht auf der Welle der Motivation reiten, solange sie anhält? Schnapp dir die Gitarre, die in der Ecke schon Staub ansetzt, besuch mal wieder den Zeichenkurs oder schlüpf in deine Joggingsachen und lauf los! Und was den Französischkurs betrifft, den du schon längst einmal ausprobieren wolltest – wäre nicht genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um damit anzufangen?

Wenn man sich jede Woche ein bisschen Zeit gibt, den Dingen nachzugehen, die man wirklich gerne tut, schenkt das mehr Zufriedenheit als ein neues Paar Schuhe.

 

Aus dem Englischen übersetzt von Sandra Halter.

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