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Wie wir Sprachen lernen: die “Militär-Methode”

Posted on October 8, 2014 by

Audiolinguale Methode

Meine Großmutter hatte in Australien in den späten Fünfzigern Französisch als Schulfach. Jahrelang lernte sie pflichtbewusst die Sprache, doch der einzige Satz, an den sie sich bis heute lebhaft erinnert, lautet:

La plume de ma tante est dans le jardin avec le lion.

Für diejenigen, die nie das Vergnügen hatten, sich mit der französischen Sprache zu beschäftigen: Das lässt sich mit „Der Federhalter meiner Tante befindet sich mit dem Löwen im Garten“ übersetzen. Dieser Satz ist eher ungeeignet, ihn galant in eine ungezwungene Unterhaltung einfließen zu lassen, um es mal vorsichtig auszudrücken. Meine Großmutter war nicht die Einzige, die diesen Satz lernen musste – “la plume de ma tante” war schon damals ein geflügeltes Wort für merkwürdige Auswüchse der Fremdsprachendidaktik, sodass das LIFE Magazine ihn 1958 sogar zum „idiotischsten nutzlosen Ausdruck in einem Französischlehrbuch“ erklärte.

Meine Großmutter, so wunderbar sie ist, glänzt nicht gerade durch ihr gutes Gedächtnis. Sie ist bekannt dafür, ihre Zeit mit der Suche nach ihrer Brille zu verbringen, nur um sie dann im Kühlschrank wiederzufinden. Dazu ist sie schon weit über achtzig. Wieso also erinnert sie sich ausgerechnet so gut an diesen Satz?

Das Sprachenlernen (oder der Fremdspracherwerb, wie es damals hieß) war in den Jahrzehnten, die auf den Zweiten Weltkrieg folgten, ein völlig anderes Paar Schuhe als heutzutage. In einer Welt von Kreide auf Schiefertafeln und Grammatik drills hatte jahrelang eine Methode den Vorrang, die im englischsprachigen Raum schlicht „the Army method“ (die „Militär-Methode“) genannt wird und hierzulande den Namen „audiolinguale Methode“ trägt.

Die audiolinguale Methode war maßgeblich geprägt durch die behavioristische Theorie des Harvard-Psychologen B.F. Skinner, welche besagt, dass Menschen durch gezielte Verstärkung geschult werden können. Wenn ein Kleinkind „hoch“ sagt und dabei hochgehoben wird, erinnert es sich an diese Erfahrung und erweitert sein Verständnis des Wortes „hoch“, sodass es das Wort in der Zukunft mit höherer Wahrscheinlichkeit korrekt benutzen wird.

Was bedeutete das in der Praxis? Drill, Dressur und Disziplin. Eine typische Sprachlektion begann oft mit einem exemplarischen Dialog, den es galt sich einzuprägen und wiederzugeben. Anschließend folgten Exerzierübungen, die dazu gedacht waren, die neue Grammatik zu festigen, durch direktes Nachsprechen, Ersetzung oder Umformulierung, zum Beispiel:

Lehrer: Ich habe ein Brot gekauft.
Klasse: Ich habe Brote gekauft.

Oder:

Lehrerin: Mein Stift ist auf dem Tisch.
Klasse: Mein Stift ist auf dem Tisch.
Lehrerin: … unter dem Stuhl.
Klasse: Mein Stift ist unter dem Stuhl.
Lehrerin: … in meiner Mappe.
Klasse: Mein Stift ist in meiner Mappe.

Falls das nach einem Feldwebel klingt, der seine Truppe anbrüllt, liegt das daran, dass es sich genau darum handelt. Der Zweite Weltkrieg spielte eine Schlüsselrolle im Aufstieg der audiolingualen Methode zu ihrer damaligen Beliebtheit. Das Militär hatte einen riesigen Bedarf an Dolmetschern, Code-Knackern und Übersetzern. Charles Fries, ein Strukturlinguist und Direktor des ersten English Language Institutes, entwickelte eine Lehrmethode, die sich um das intensive Einexerzieren grundlegender Satzmuster drehte. „Es sind diese grundlegenden Strukturen, die die Aufgabe des Lernenden ausmachen. Sie erfordern Drill, Drill und noch mehr Drill, und gerade so viel Vokabular wie nötig, um solch einen Drill zu ermöglichen“, so Fries (englischer Originaltext). Viele Soldaten wurden auf diese Art innerhalb kurzer Zeit mit einer hohen Erfolgsquote buchstäblich abgerichtet.

Nach dem Krieg beschloss die US-Regierung, getrieben von der Furcht, im weltweiten Wettlauf der Wissenschaft abgehängt zu werden – besonders, nachdem die Russen einen Satelliten in den Weltraum entlassen hatten –, dass ihre Bürger mehr Fremdsprachen erlernen sollten und pumpte Geld in den National Defense Education Act („Staatsverteidigungs-Bildungsgesetz“). Experten der Fremdsprachendidaktik griffen auf Fries’ strukturelle Linguistik zurück und verbanden diese mit den Grundlagen des Behaviorismus, et voilà, die audiolinguale Methode war erfunden.

Obwohl sich bei dieser Methode alles um Grammatik dreht, wird jene niemals gesondert erklärt oder kontextualisiert. Es wird keinerlei Wert auf einen Erkenntnisgewinn durch Erklärungen gelegt (so wie es sie etwa bei Babbel gibt). Stattdessen spricht der Lehrer ausschließlich in der Sprache, die erlernt werden soll, und erwartet von den Schülern, dass sie deren Muster und Strukturen durch mechanische Wiederholung erlernen.

Audiolinguale Methode

Photo: Bundesarchiv, Bild 183-P0422-0004 / CC-BY-SA

Sprachlabore bildeten einen wichtigen Teil der Didaktik. Die Schüler saßen in Kabinen, spielten Sprachaufnahmen ab und sprachen sie nach, wobei sie ihre Stimmen oft selbst aufzeichneten.

Allen, die nach 1980 geboren wurden, mag diese Herangehensweise an das Sprachenlernen hoffnunglos veraltet erscheinen. Tatsächlich wurde die audiolinguale Methode bereits im Jahr 1959 zum ersten Mal angegriffen, als Noam Chomsky Skinners behavioristische Theorie einen „schwerwiegenden Irrglauben“ nannte (englischer Originaltext). Der Behaviorismus verlor an Zuspruch, es setzten sich neuere kognitive und kommunikative Methoden zum Spracherwerb durch, und in den siebziger Jahren war die audiolinguale Methode in ihrer ursprünglichen Form endgültig diskreditiert.

Dennoch ist sie nicht tot. Sie mag zwar nicht mehr den Kern des heutigen Fremdsprachenunterrichts ausmachen, doch manche ihrer Prinzipien und Grundsätze werden auch heutzutage noch umgesetzt.

Die Idee, Schüler ausschließlich in der Fremdsprache zu unterrichten, ist nach wie vor aktuell, etwa in immersiven und kommunikativen Lehrmethoden. ESL-Unterricht (English as a Second Language, „Englisch als Zweitsprache“) basiert ebenfalls auf diesem Prinzip, nicht nur aus pädagogischen Gründen, sondern weil es schlichtweg praktisch ist. Und Sprachlabore existieren noch heute, auch wenn ihr Inventar mittlerweile meistens aus Computern statt Kassettenrekordern besteht.

Im Fremdsprachenunterricht in der Schule oder in einem Sprachkurs ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man früher oder später eine Form von Drill miterlebt. Art und Zweck mögen sich zwar von früheren Drills unterscheiden – heutzutage werden gemeinschaftliche Nachsprechübungen eher zum Trainieren der Aussprache genutzt, weniger zum Einbläuen grammatikalischer Strukturen – doch ist diese Technik ein Erbe der audiolingualen Methode.

Wenn dir also das nächste Mal ein merkwürdiger Satz in den Kopf schießt, der sich vor langer Zeit im Englisch- oder Französischunterricht dort festgesetzt hat, ist das kein Grund zur Sorge, sondern nur ein lustiger Nebeneffekt des Sprachenlernens. Zumindest brauchst du nicht zu fürchten, dass deine Großmutter beim Versuch, den Federhalter ihrer Tante aus dem Garten zu holen, von einem Löwen gefressen wird.

 

Kommt dir diese Methode bekannt vor? Hast du schon einmal mit der audiolingualen Methode gelernt? Hinterlasse uns einen Kommentar!

 

Aus dem Englischen übersetzt und adaptiert von Aline Brünger.

Comments

Wo hast du so gut Englisch gelernt, fragte ein Soldat Hanna Schygulla in einem Faßbänder-Film.

Im Bett

1958 habe ich als Soldat ein halbes Jahr Englisch für die Flugsicherung gelernt. Später habe ich mir ein Sprachlabor gekauft, leider aber keine bezahlbare Lernkassette dafür .gefunden. Das Sprachlabor habe ich noch, würde aber auch einen Kursus für den Computer nehmen, wenn ich für Englisch oder Dänisch einen finden würde.

möchte bitte mein Vertrag kundigen. Es ist extreme schwierig für meine Tochter hier Spanish zu lernen!!!!!! jedes mal wann sie es aus probiert kommt sie nicht weiter.

Bitte geben sie mir so schnell wie möglich bescheid.

Vielen dank

Deborah Püst

Hallo Deborah – können Sie eine Email an support@babbel.com schreiben? Dann können wir alles abklären. Dankeschön.

Von wegen! Die US-Army hat das erfunden! Seit es in Preußen Schulpflicht gibt (1717), haben die Kinder gemeinsam, sozusagen im Chor, Texte aufgesagt und somit viele Gedichte auswendig gelernt, die sie ein Leben lang behalten haben.

Bin auch der Meinung dass Babbel diese Methode anbieten sollte. Ich will Sprachen nur zum Sprechen und Verständigen lernen. Das Schreiben einzelner Wörter, die man ewig wiederholen muß, weil sich schriftlich ein Fehler eingeschlichen hat – obwohl man das Wort akustisch schon längst drauf hat – ist nervig. Wenn Sie weiterhin nicht anbieten, dass man zwischen akustischem Lernen und schriftlichem wählen kann,überlege ich mir ernsthaft ob ich weiterhin bei Babbel bleibe.

Ich schließe mich an die Meinung von Horst an:

“Würde mir wünschen, das Babbel diese Methode auch anbietet, da ich die schriftlichen Wiederholungen satt habe und am stagnieren bin. Mir liegt viel mehr am sprechen der Spache wie am schreiben.”

Es wäre schön, wenn Babbel seine Palette in diese Richtung erweitern würde.

Ich hätte nichts gegen etwas Drill in Italienischen xD ich muss da schon strenger sein bevor meine Grammatik ganz schlecht wird -.- das liegt nicht an euch, eher an meinen inneren Schweinehund…..Konjugation und so sind so wichtig aber auch so mühsam zu erlernen 🙁

Würde mir wünschen, das Babbel diese Methode auch anbietet, da ich die schriftlichen Wiederholungen satt habe und am stagnieren bin. Mir liegt viel mehr am sprechen der Spache wie am schreiben.

Prägnante Beispielsätze sind beim Spraqchenlernen ganz wichtig.Ich hab´mich wahnsinnig gefreut als das Lied “Who let the dogs out?, who, who, who?” (die “who” wurden gebellt), ein Hit wurde.Seither verwende ich dieses Lied um die Verwechlung von who und where zu minimieren.Sollte wieder einmal eine Verwechlung vorkommen, so stimme ich einfach das Lied an, ein paar Schüler “bellen” sicher gleich mit. So macht Lernen Spaß
.

Ich bin Engländerin und habe 3 Sprachen in den 60gen in England gelernt. Es war wichtig die Grammatik auswendig zu lernen, Texte zu verstehen, Fragen dazu zu beantworten und Vokabeln und unregelmäßigen Verben zu lernen. So haben wir ein echt gutes Fundament bekommen, das mir immer noch über 40 Jahre später dient. Ich tue mich viel schwerer mit den neuen Methoden, da das “erlernte” nicht im Gedächtnis bleibt!

Ich bin jetzt 72 Jahre und habe in der Realschule Franzoesisch als Pflichtfach genommen. Das erste was wir gelernt haben war das Lied: Un, Deux, Trois, Allons Dans Les Bois usw.
Muss wohl die Army Methode gewesen sein denn ich singe es immer noch.

Ich habe vor ca. 35 Jahren in der VHS Französisch gelernt. Französische Gymnasiallehrerin.
Buch: Französisch für Sie. Klare Strukturen: Text, Grammatik, Übungsseiten: Ich gehe. (Du) Du gehst. (Sie) Sie gehen usw. Das wurde im Sprachlabor intensiviert. Die Fortschritte mit dieser Methode waren enorm. Nach einigen Jahren Umstieg auf ein neueres Buch: Lebendiges Französisch. Alles moderner und viel bebildert, offene Übungen. Und damit ging’s bergab! Man saß Zuhause vor seinem Buch und wußte plötzlich nicht mehr genau, wie und was man genau lernen sollte. Noch heute kann ich mich an unglaublich viel aus dieser Lernzeit erinnern (Auffrischen mit Babbel) und bin von der damaligen Methode nach wie vor restlos überzeugt. Nicht alles, was neu ist, ist auch besser 😉

Oh yes, I do remember s o well… During language teaches’ trainings in the 1960ies here in Bavaria, the ‘Sprachlabor’ still was a very important issue and most schools had one ( Berlin as well up to the 80ies)..Pupils loved the lessons there especially because the technology was a great challenge..tiny metal bits helped to manipulate the equipment and created a situation which allowed the pupils to chat with each other easily after connecting their places directly… Much better than following the tight system of the language course..
How amazed we teachers were when we got into their talking .. Not what we had expected to here after tuning in..
Well, what I also remember was the conclusion that school kids did not have the motivation of a GI .. So the outcome of their language study in the lab was close to zero..any lively classroom action had better results

Ich habe vor 40 Jahren einen Spanisch Kurs belegt, für drei Monate. Alles was davon bis heute übrig blieb, ist ein Satz: approchense, por favor, los cinturones de seguridad.
Wahrscheinlich hoffnungslos falsch geschrieben: Bitte legen Sie die Sicherheitsgurte an.
Wenn man das versteht, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen – oder?

Der Unterricht damals hat vermutlich wenigstens den Vorteil dass man sich diese Sätze langfristig merkt und man eine Sicherheit bekommt, auch wenn einem Grammatikregeln wenig sagen.

Mich nervt der aktuelle Englischunterrricht, ich kann so nicht richtig lernen. Einerseits total auf Grammatkregeln – die man kennen muss – aufgebaut und gleichzeitig darf nichts übersetzt werden. Da ist man auf die pantomimischen Fähigkeiten des Lehrers angewiesen. Und wenn es um differenzierte Vokabeln geht ist das doch nervig! Letztendlich übersetzt man es doch schnell und weiß wenigstens was es tatsächlich bedeutet anstatt zu raten. Rede von Englischunterricht in der Erwachsenenbildung. Würde gerne wieder einen Kurs zu machen und weiß aber dass ich so fast nichts lerne.

Ja, diese Art von Sprachenlernen hat den Vorteile, dass man die Sprache eher intuitiv lernt. Leider hat man als Erwachsener meist nicht so viel Zeit und Geduld, wie ein Kleinkind, welches die Muttersprache im Grunde genauso lernt. Ich denke, dass eine Mischung aus beidem gut ist.

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