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language learning in the digital age

Wie Unterschiede zwischen Sprachschülern im Unterricht zur Chance für alle werden

Posted on October 26, 2016 by

Binnendifferenzierung

Dieser Artikel ist der erste aus der Reihe Anleitung und Anregungen für den Deutschunterricht mit Geflüchteten – von Babbel. Die Artikel stellen Methoden für Lehrende vor, unabhängig von pädagogischen Vorerfahrungen. Die Artikelreihe fasst die Erfahrungen, die wir im Rahmen unserer Workshops für ehrenamtliche Deutschlehrer gesammelt haben, zusammen. Veranstaltet werden die Workshops von den Babbel-Sprachlernexperten.

 

Es ist überwältigend, wie viele Menschen in Deutschland täglich Geflüchteten helfen und wie wenig darüber berichtet wird. Wir von Babbel erleben ständig, wie wichtig es nach der Erstversorgung für die Geflüchteten ist, die deutsche Sprache zu lernen – nur so können sie in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben führen. Stetig sind wir in Kontakt mit engagierten Helfern, die von uns wissen wollen, wie sie Flüchtlingen am sinnvollsten Deutsch beibringen können. Aufgrund unserer langjährigen didaktischen Erfahrung und unseres Ziels, jeden Lerner individuell zu fördern, bekommen wir regelmäßig eine Flut von Anfragen. Meistens geht es dabei darum, wie man pädagogisch am sinnvollsten eine große Gruppe mit unterschiedlichen Ausgangssituationen, -sprachen und unterschiedlichem Lerntempo gemeinsam unterrichten kann. Als Didaktik- und Sprachexperten bei Babbel veranstalten wir regelmäßig Workshops zu diesen Themen in unseren Büroräumen, an denen jeder teilnehmen kann. Dabei haben wir die wichtigsten Tipps und Tricks gesammelt und hier für euch zusammengestellt:

Gegensätze im Unterricht ziehen sich an

Es ist wichtig zu verstehen, dass Gegensätze in einer Lerngruppe eine spezielle Form des Unterrichts erfordern. Dabei werden die Schüler nicht, wie wir das noch aus Schule oder Universität kennen, nach ihrem Wissen und ihrer Lernkapazität in Gruppen eingeteilt. Ziel ist es, dass alle zusammen lernen, unabhängig von Lernleistung, Begabung, Alter und Kultur.

Das Lernen einer Sprache ist ein individueller Prozess und der Lernerfolg ist hierbei von vielen Faktoren abhängig: Zum Beispiel vom Lerntyp – manche lernen besser mit Bildern oder Ton, andere lieber morgens als abends, wieder anderen ist Grammatik sehr wichtig. Lernende unterscheiden sich auch durch ihre Lernziele, zum Beispiel um für eine Arbeitsstelle oder ein Studium ein bestimmtes Deutschniveau zu erreichen. Außerdem spielen Faktoren wie Lernumgebung, Vorwissen, Motivation oder Sprachlernerfahrung eine große Rolle. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen, die auch Heterogenität der Lerngruppe genannt werden, kann sich jeder Lehrende durch zwei pädagogische Ansätze zum Vorteil machen. Die Vielfalt der Gruppe macht das Lernen nicht nur interessant, sondern kann auch motivieren!

Der eine hat die Gurken, der andere den Dill

Die folgenden Tipps ergeben sich aus zwei pädagogischen Ansätzen: Binnendifferenzierung sowie Praxis- und Handlungsorientierung. Beispielhaft wird im Folgenden gezeigt, wie Unterschiede zum Vorteil für jeden Einzelnen in der Gruppe werden können.

Binnendifferenzierung:

Sie hat das Ziel, Lerngruppen mit unterschiedlichen Lernstärken und Voraussetzungen erfolgreich lernen zu lassen. In der Praxis sieht das beispielsweise so aus, dass kleinere Lerngruppen innerhalb der größeren Lerngruppe gebildet werden, um die individuellen Lernfähigkeiten, Begabungen und Interessen aller Lernenden voranzubringen, ohne dass andere in der Gruppe darunter leiden. Dadurch wird im besten Fall die individuelle Motivation, Produktivität und Kreativität gesteigert und durch eine stärkere Identifizierung gleichzeitig das Gruppengefühl gestärkt. Ziel der Binnendifferenzierung ist es, die gesamte Gruppe, also jeden Einzelnen zu stabilisieren, Konflikte zu minimieren, die Selbstverantwortung (durch selbstbestimmtes Lernen) zu steigern, unabhängig zu lernen, Teamwork und Kooperation zu fördern sowie das Wir-Gefühl zu stärken.

Interaktiv Vokabeln lernen können Sprachschüler/innen beispielsweise anhand von Wegbeschreibungen: Zu üben, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden dient als gutes Beispiel im Fremdsprachenunterricht und kann mit wenigen Materialien durchgeführt werden. Auf einer Karte (zum Beispiel einem Stadtplan, einer U-Bahn-Karte oder auch auf dem Handy mit Google Maps) zeigt der Sprachlehrer allen Teilnehmenden, wo sie sich befinden. Sie können sich nun überlegen, wo sie von dort aus am liebsten hingehen würden, indem sie sich die Karte anschauen und entscheiden, was sie interessiert.

Praxisbeispiel

Variante 1:

Wer?

Zwei Lernende mit unterschiedlich guten Deutschkenntnissen

Material?

Ein Kartenausschnitt (2 Kopien oder Tafelbild)

Aufgabe?

Der fortgeschrittenere Lerner erklärt und zeigt dem anderen seinen Weg und benennt dabei bestimmte Orientierungspunkte.

Variante 2:

Wer?

Zwei fortgeschrittene Lernende

Material?

Ein Kartenausschnitt (2 Kopien oder Tafelbild)

Aufgabe?

Ein Lerner beschreibt einen Weg innerhalb des Kartenausschnitts (der Lernpartner sollte diesen nicht sehen) und der andere Lerner zeichnet diesen auf seinem Kartenausschnitt ein.

Ein konkretes und alltagsrelevantes Beispiel in Berlin ist die Wegbeschreibung vom Bahnhof zur Ausländerbehörde in Berlin-Tiergarten.

Praxis- und Handlungsorientierung:

Im handlungsorientierten Fremdsprachenunterricht soll eine reale Umgebung geschaffen werden, in der die Schüler das Gefühl haben, die Sprache wie im Alltag anzuwenden. Wichtig ist dabei, dass die Schüler so viel wie möglich mit ihren fünf Sinnen erleben. Je mehr Sinne sie einsetzen, desto mehr behalten sie das Gelernte im Gedächtnis. Edgar Dale hat schon 1969 eine Lernpyramide zusammengestellt, die den Zusammenhang zwischen dem Einsatz der Sinne und der Erinnerung an das Gelernte darstellt: Je mehr Sinne wir einsetzen, desto mehr erinnern wir uns. Ganz nach dem Motto des chinesischen Sprichwortes „Ich höre und vergesse, ich sehe und erinnere mich, ich tue es und verstehe es.“

Umsetzung in der Praxis:

Dies kann in der Praxis beispielsweise durch interaktives Vokabellernen mit Einkaufszetteln und daraufstehenden Obstsorten umgesetzt werden: Das Erlernen von Vokabeln macht einen großen Teil des Fremdsprachenunterrichts aus. Die Kunst besteht darin, auch bei heterogenen Lerngruppen Lernformen zu finden, mit denen alle in der Gruppe lernen können. Dafür sind alltagsrelevante Vokabeln besonders empfehlenswert, wie eben rund ums Thema Einkaufen.

Praxisbeispiel:

Wer?

Lehrer und/oder Schüler

Material?

Obst, zum Beispiel Äpfel

Aufgabe?

Der Sprachlehrer zeigt der Gruppe einen Apfel und sagt zunächst „Apfel“ und danach „Das ist ein Apfel“. Danach kann er den Apfel genauer beschreiben, indem er zum Beispiel die Farbe beziehungsweise Form des Apfels erklärt oder auch bestimmte grammatikalische Formen erläutert. Er kann zum Beispiel sagen „ein Apfel“, „der Apfel“, „zwei Äpfel“ und so weiter

Dabei werden sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene in den Lernprozess integriert: Anfänger können beispielsweise nennen, wie man „Apfel“ in ihrer Muttersprache sagt oder Verbindungen zu anderen Sprachen erkennen (Apfel → apple).

In einem zweiten Schritt können die Schüler aktiv werden und unabhängig von ihrem Deutschniveau einen Einkaufszettel erstellen und diesen danach der gesamten Gruppe vorstellen. Dabei kann jegliches Lernmaterial eingesetzt werden, was die Sinneswahrnehmung der Schüler anspricht.

Diese zwei Praxisbeispiele zeigen, wie Lernende durch die Ansätze der Binnendifferenzierung sowie der Praxis- und Handlungsorientierung unabhängig ihrer Kenntnisse und ihrer Fähigkeiten aktiv in den Deutschunterricht einbezogen werden können. Im Idealfall schafft dies ein Wir-Gefühl und die Vielfalt der Gruppe wird zum Vorteil für jeden Einzelnen.

Habt ihr das auch schon ausprobiert? Wir würden uns sehr freuen, von euch zu hören! Teilt uns gern eure Erfahrungen unten mit!

Unser nächster Workshop findet am 13. Dezember 2016 statt. Es wird um Spiele im Unterricht zur Vermittlung von Grammatik auf dem Niveau A1 gehen. Komm vorbei, wir freuen uns auf dich! Hier geht es zur Anmeldung.

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