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language learning in the digital age

Zen und die Kunst eine Sprache zu erlernen

Posted on September 17, 2014 by

Glück, Zen, Sprachen lernen

Im Herzen von Hanoi, Vietnam, gibt es einen See. Viele Straßen führen zu ihm und münden in einem Kreis um ihn herum. Wenn der Abend kommt und die stickige Hitze des Tages langsam aus der Stadt weicht, fahren die Leute auf Motorrollern um den See, immer herum und herum und herum. Sie haben kein bestimmtes Ziel. Manchmal fahre ich mit um den See und spüre den Luftzug auf meinem Gesicht.

Anfängergeist

„Anfängergeist“ ist ein buddhistisches Konzept, das in der westlichen Kultur durch Shunryu Suzuki bekannt gemacht wurde, einem japanischen Mönch, der das erste buddhistische Kloster außerhalb Asiens gründete. Laut Suzuki ist „Anfängergeist“ ein offener und wissbegieriger Geisteszustand, ein bisschen wie der eines Kindes. Wenn man etwas Neuem begegnet, verurteilt man es nicht oder lehnt es ab. In anderen Worten, man versucht die Welt ohne die Vorurteile und vorschnellen Annahmen zu betrachten, die jeder von uns mit sich herumträgt.

Einmal habe ich versucht, einer Klasse besonders widerspenstiger vietnamesischer Teenager Englisch beizubringen. Sie weigerten sich rundheraus miteinander zu sprechen. Eine dicke Decke sozialen Drucks hing über dem Klassenzimmer. Der Durchbruch kam durch Zufall, als die Schüler eine Schuhschachtel voller Fingerpuppen aus Gummi entdeckten, die ich für meine Erstklässler mitgebracht hatte. Fünf Minuten später strotzte der Raum nur so vor Monstern, die Außerirdische angriffen und Prinzessinnen, die mit ihren Untertanen plauderten. Alles auf Englisch. Ich konnte sie gar nicht mehr zum Schweigen bringen.

Ist es das, was passiert, wenn wir vergessen, wir selbst zu sein?

Zeit zu spielen

Als ich das erste Mal im schwülen Berliner Sommer in meinem Deutschkurs saß, bat mich meine Lehrerin, der Klasse einen Satz laut vorzulesen. Ich starrte das erste Wort an, als sei es ein sperriges barockes Möbelstück. Es entwich mir als erstickter Schrei.

„Entschuldigung!“
Alle lachten.

Mein Deutschbuch war groß, schwer und blau. Jeden Tag setzte ich mich zur gleichen Uhrzeit mit einem Kaffee hin und machte meine Aufgaben. Ich klopfte die Wörter auf ihren Klang ab. Entschuldigung. Ent-schul-di-gung. So viele, viele stimmhafte „s“, so viele Umlaute. Manchmal starrte ich sie einfach nur an. Manche dieser Wörter waren so lang, dass ich sie mit einem Bleistift durchtrennen musste. Im Hintergrund ließ ich das Radio laufen; zwar verstand ich nicht, was gesagt wurde, aber ich sang gern die Melodien in der Werbung mit.

Macht es glücklich, eine Sprache zu sprechen? Macht es glücklich, eine Sprache zu erlernen?

Ich frage mich manchmal, ob der Zwang, sprechen zu können, den Wunsch zu lernen unterdrückt. Ein Freund von mir richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass er kein Deutsch sprechen kann, obwohl er schon seit langer Zeit hier lebt. Er schämt sich deswegen und ist verunsichert. Ab und zu kommen mir ähnliche Gedanken. Eine neue Sprache zu lernen kann eine peinliche, sogar furchterregende Erfahrung sein. Aber ich weiß, dass ich am besten (und am gewandtesten) bin, wenn ich mit der Sprache spiele, wenn ich über meine Fehler lache und mich an neuen Wörtern erfreue, statt mich meines Unwissens zu schämen.

So versuche ich, an neue Sprachen heranzugehen: nicht als Experte, sondern als Kind. Jegliche Sprachbegabung, die ich habe, entspringt meiner Neugier und Hingabe. Ich bin am produktivsten, wenn ich gar nicht versuche, produktiv zu sein.

Ent-schul-di-gung.
Ent-schul-di-gung-gung-gung-gung-gung.

Glück

Jeder möchte glücklich sein – da braucht man nicht einmal Pharrell Williams zu fragen. Laut des Weltglücksberichts der UNO aus dem letzten Jahr sind die fünf Länder mit den glücklichsten Einwohnern Dänemark, Norwegen, die Schweiz, die Niederlande und Schweden. In Amerika ist der „pursuit of happiness“, das Streben nach Glück, sogar in der Verfassung verankert. Dies lässt darauf schließen, dass wir das Gefühl von Glück als etwas sehen, das man erreichen oder erlangen kann: ein Daseinszustand.

Glück ist wie in die Hose zu pinkeln. Jeder kann’s sehen, aber nur du spürst die Wärme. (Original: Happiness is like peeing in your pants. Everyone can see it but only you can feel the warmth.)

~Urban Dictionary, Definition von ~~~, 12. Juli 2005

Viele Philosophen bemühen sich um andere Begriffe, etwa „Zufriedenheit“, „Aufblühen“, oder auch „ein gutes Leben leben“. In den Dreißigern führte der amerikanische Psychologieprofessor Abraham Maslow Glück auf eine Hierarchie bestimmter Bedürfnisse (die „Bedürfnispyramide“) zurück. Diese reichen von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Unterkunft und Sicherheit, die zuerst befriedigt werden müssen, zu höheren Bedürfnissen wie sozialem Anschluss, Kreativität und moralischer Integrität. Menschen, die zur höchsten Stufe aufsteigen, „Selbstverwirklichung“, erleben beeindruckende Momente voller Glückseligkeit, oder Verständnis, oder Liebe.

Mihály Csíkszentmihályi, ein ungarischer Psychologieprofessor, der sich mit Glück und Kreativität befasst, nennt diesen Zustand „Flow“.

Müheloses Handeln

Beim Bergsteigen auf großer Höhe muss man sich auf seinen Atem konzentrieren. Die Luft ist sehr dünn. Jeder Schritt wird zu einem Atemzug: ein, aus, ein, aus. Das Laufen folgt einem festen Rhythmus. Endorphine werden ausgeschüttet, und je weiter man läuft, desto mehr fühlt es sich an, als sei man in Trance. Für manche Leute ist das eine spirituelle Erfahrung. Für manche fühlt es sich so an, als seien sie high. Es ist zermürbend, viele Tage lang mit schmerzenden Muskeln zu laufen. Es gibt Zeiten, da fühlt es sich nur nach harter Arbeit an.

Linker Fuß, rechter Fuß. Linker Fuß, rechter Fuß.

Hast du schon einmal versucht zu meditieren? In den ersten paar Sekunden schafft man es meistens, den Geist freizuhalten, doch dann strömen die Gedanken herbei. Es ist fürchterlich frustrierend. Hast du dagegen schon einmal beim Gärtnern, beim Joggen, beim Zeichnen oder bei einer anderen Tätigkeit, die all deine Aufmerksamkeit gefordert hat, die Zeit vergessen? Weißt du noch, wie du dich dabei gefühlt hast, oder nur noch, wie du dich danach gefühlt hast?

Das Konzept von Csíkszentmihálys Flow ist eng mit der buddhistischen oder taoistischen Idee der „Handlung durch Nicht-Handlung“ oder „mühelosen Handlung“ verbunden. „Glück“ kann sich durchaus als Beiprodukt eines solchen Zustands einstellen, ja sogar erst im Rückblick als willkommene Nebenwirkung. War ich glücklich, als ich durch die Berge wanderte? Oder ist Glück – wie Melancholie oder Nostalgie – ein Instagram-Filter, den wir auf unsere Vergangenheit anwenden?

Der See

Immer herum und herum um den Hoan-Kiem-See fahren wir, ein Schwarm langsam dahingleitender Zweiräder. Die Luft ist jetzt kühl. Neonlichter und rote Laternen tanzen auf der Oberfläche des Wassers. Ich muss mich nicht auf die Straße konzentrieren, nicht auf die Roller neben mir, nicht auf das Fahren. Wir umkreisen den uralten See, verloren im sanften Schnurren unserer Motoren.

Ich fühle den Wind auf meinem Gesicht. Ich sehe die Spiegelungen auf dem Wasser.

Aus dem Englischen übersetzt von Aline Brünger.

 

Comments

Leider lassen wir Erwachsene viel zu selten das Kind in uns aufleben…
Ein toller Artikel!!
LG
Florian

Wunderbarer schöner kleiner Artikel – lesen, wie um den See rumfahren. Immer und immer wieder lesen, Bekanntes wiedererkennen, Zusammenhänge hin- und herwenden, genießen. Danke

Mit 20 Jahren konnte ich fließend Englisch sprechen, denn ich hatte das Abitur in der Tasche. Nun sind über 40 Jahre vergangen, in denen ich nichts für diese Sprache getan hatte und ich stelle fest, daß ich echte Probleme habe, wieder reinzukommen. Warum möchte ich mit 62 wieder Englisch lernen? Der Artikel oben schreibt über das menschliche Glück. Ja, was ist wahres Glück? Für mich ist wahres Glück die Wahrheit über Gott und sein Wort, die Heilige Schrift zu kennen. Und deshalb möchte ich wieder Englisch lernen, um mit Menschen anderer Nationen über dieses so wichtige Thema sprechen zu können. Kein Druck – spielerisch, aber ich tue mich trotzdem ziemlich schwer.

Herum und Herum,der See bleibt derselbe nur unsere Sichtweise darauf ändert sich.Vielen Dank für die beeindruckende Arbeit.Ich schließe mich dem Wunsch von Heidrun an und bitte ebenfalls um den Bericht in Englisch, falls das möglich ist.

Hi Doris!
Here you can find the same article in English:
//blog.babbel.com/happiness-zen-language-learning/
By the way: you can read articles in other languages just by selecting the one you’d like to have on the right side. Best!

Wunderbar! Ich danke Euch für diesen Artikel! Ulla

Echt guter Artikel!
Danke!

Ist es möglich mir diesen phantastischen Artikel im Original in der englischen Sprache zu senden.
Vielen Dank
Heidrun

Dieser Artikel war sehr interessant ! Man müsste ihn immer wieder lesen und man findet etwas neues darin! Kompliment! Liebe Grüße aus saarbrücken

Danke Susanne! Grüße aus Berlin.

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